HormoneEmerging Evidence

Klinische Andropause

Schleichender Testosteron-Abfall mit klinischen Symptomen. Was ist die Andropause und wie unterscheidet sie sich von der Menopause?

Inhalt

Was die Andropause ist

Die Andropause beschreibt den allmählichen Abfall von Testosteron beim Mann mit zunehmendem Alter. Anders als die Menopause der Frau ist sie kein abrupter Wechsel mit klarem Beginn, sondern ein langsamer Prozess über Jahrzehnte.

Aus der Schulmedizin kommt der präzisere Begriff Late-Onset Hypogonadism (LOH), spät auftretender Mangel an Geschlechtshormonen. Der Begriff Andropause wird oft kritisiert, weil er suggeriert, alle Männer durchlaufen sie, was nicht stimmt. Tatsächlich entwickeln nur etwa 2 bis 6 Prozent der Männer über 50 echte symptomatische Andropause.

Wie sich Andropause unterscheidet von Menopause

Drei wichtige Unterschiede.

Erstens, Geschwindigkeit. Die Menopause vollzieht sich typischerweise innerhalb von wenigen Jahren mit klarem Endpunkt (letzte Regelblutung). Die Andropause läuft über Jahrzehnte und endet nicht abrupt.

Zweitens, Universalität. Jede Frau erlebt die Menopause irgendwann zwischen 45 und 55. Andropause-Symptome treten nur bei einer Minderheit der Männer auf, viele behalten ihre Werte ein Leben lang stabil.

Drittens, Auslöser. Die Menopause ist genetisch programmiert (das Reservoir der Eizellen geht zur Neige). Die Andropause ist oft mit Lebensstil-Faktoren verbunden: Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen, schlechter Schlaf, chronischer Stress.

Wann Andropause wirklich vorliegt

Die EMAS-Studie (Wu et al. 2010, NEJM) hat 3.369 Männer in Europa untersucht. Sie definierte LOH durch drei Kriterien, die alle erfüllt sein müssen:

  • mindestens drei sexuelle Symptome (Libido-Verlust, Erektionsprobleme, schwächere Morgenerektion)
  • Gesamttestosteron unter 320 ng/dl
  • freies Testosteron unter 6,4 ng/l

Mit diesen strengen Kriterien hatten nur 2,1 Prozent der Männer zwischen 40 und 79 echte LOH. Bei den über 70-Jährigen waren es 5,1 Prozent.

Das ist deutlich weniger als die Marketing-Welt der "Männergesundheit"-Branche suggeriert. Viele Männer mit Müdigkeit, Libido-Verlust und Antriebslosigkeit haben kein Testosteron-Problem, sondern Schlafapnoe, Depression, Stoffwechselstörung oder einfach altersgemäße Veränderungen.

Symptome, die ernst zu nehmen sind

Drei Cluster zeigen sich bei echter Andropause.

Erstens, sexuelle Symptome. Verminderte Libido, Erektionsprobleme, weniger oder keine spontanen Morgenerektionen.

Zweitens, körperliche Symptome. Muskelverlust trotz Training, Gewichtszunahme am Bauch, Hitzewallungen (selten, aber möglich).

Dritte, psychische Symptome. Antriebslosigkeit, depressive Verstimmung, kognitiver Nebel.

Wichtig: Diese Symptome sind unspezifisch. Bei Müdigkeit ohne sexuelle Symptome und mit normalen Hormonwerten ist Andropause unwahrscheinlich.

Was zu tun ist

Drei Schritte.

Erstens, ärztliche Abklärung mit vollem Hormon-Status (Testosteron, freies Testosteron, SHBG, LH, FSH, Prolaktin). Mehrere Messungen morgens, idealerweise zwei verschiedene Tage.

Zweitens, Lebensstil-Optimierung zuerst. Übergewicht reduzieren, Schlaf verbessern, Krafttraining aufnehmen, Stress reduzieren. Bei vielen Männern mit grenzwertigen Werten reichen diese Maßnahmen, um den Spiegel zu normalisieren.

Drittens, bei klarer Diagnose und ausbleibendem Lebensstil-Erfolg: TRT (Testosterone Replacement Therapy). Die TRAVERSE-Studie (2023) hat die kardiovaskuläre Sicherheit bestätigt. Therapie immer durch erfahrenen Endokrinologen oder Andrologen.

Was nicht hilft

Selbstverordnete Booster-Pillen, Tribulus, Maca, Ginseng. Die Evidenz für nennenswerte Effekte auf Testosteron ist gering. Bei klarem Mangel hilft nur Substitution. Bei normalem Wert hilft nichts, weil nichts zu reparieren ist.

Andropause ist real, aber selten. Die meisten "Andropause-Symptome" haben andere Ursachen. Wer ehrlich abklären lässt, kommt oft zu einer anderen Diagnose und damit zu einer wirksameren Therapie.

Primärquellen

Eine Auswahl peer-reviewter Primärquellen wird in einer kommenden Version verlinkt. Für klinische Entscheidungen konsultiere bitte qualifizierte ärztliche Beratung.