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REDUCE-IT und das Mineralöl-Problem: Was Omega-3-Studien wirklich aussagen

Lohnt sich Omega-3 für Herz und Gehirn – und welcher Studie sollte ich glauben?

PLPure Longevity Redaktion 13. Mai 2026 8 Min. Lesezeit
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Omega-3-Fettsäuren gehören zu den am meisten verkauften Nahrungsergänzungsmitteln weltweit. Die Werbung verspricht alles: weniger Herzinfarkt, klarere Augen, glücklichere Stimmung, glattere Haut. Die Studienlage ist deutlich nuancierter. Und eine zentrale Studie, die als Durchbruch galt, hat 2020 einen massiven Schlag bekommen: REDUCE-IT. Hier die ehrliche Einordnung.

Was REDUCE-IT ursprünglich zeigte

REDUCE-IT (Reduction of Cardiovascular Events with Icosapent Ethyl) wurde 2018 in NEJM (Bhatt et al.) veröffentlicht. 8.179 Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem Risiko erhielten entweder 4 Gramm gereinigtes EPA (Icosapent-Ethyl, Markenname Vascepa) oder ein Placebo. Nach durchschnittlich 4.9 Jahren zeigte die EPA-Gruppe eine 25-prozentige relative Risikoreduktion für kardiovaskuläre Ereignisse.

Das war eine Sensation. Viele Ärzte und Patienten interpretierten es so: Omega-3 schützt das Herz. Vascepa erhielt 2019 die FDA-Zulassung für diese Indikation. Der Aktienkurs des Herstellers Amarin explodierte.

Das Mineralöl-Problem

Hier kommt der Haken. Die Kontrollgruppe in REDUCE-IT erhielt nicht "echtes" Placebo, sondern Mineralöl. Mineralöl ist nicht inert. Es kann LDL-Cholesterin erhöhen, C-reaktives Protein verändern und die Aufnahme von Statinen reduzieren.

Eine Studie von Doi et al. (2021, European Heart Journal) hat das aufgegriffen. Sie zeigte: In der Placebo-Gruppe (Mineralöl) stieg LDL um etwa 7 Prozent, hs-CRP um etwa 32 Prozent, ApoB um etwa 7 Prozent. Das heißt: Der scheinbare Schutzeffekt von Vascepa könnte zumindest teilweise dadurch entstanden sein, dass die Kontrollgruppe durch das "Placebo" schlechter wurde, nicht weil EPA besser wurde.

Die Größenordnung dieses Effekts ist umstritten. Manche Analysen schätzen, dass etwa 30 bis 60 Prozent des beobachteten "Vorteils" auf das Mineralöl zurückzuführen sein könnten. Bhatt und Kollegen argumentieren, dass selbst nach Bereinigung ein realer Effekt bleibt. Andere Forscher sind skeptischer.

Was die STRENGTH-Studie ergänzt

STRENGTH (Nicholls et al. 2020, JAMA) testete eine andere Omega-3-Formulierung (Mischung aus EPA und DHA) gegen ein "echteres" Placebo (Maisöl). Ergebnis: keinerlei Schutzeffekt. Die Studie wurde nach Interim-Analyse abgebrochen.

Das ist ein wichtiges Signal. Wenn EPA wirklich schützen würde, müsste man auch in STRENGTH eine Reduktion sehen. Stattdessen: keine Reduktion. Das passt zu der Hypothese, dass REDUCE-IT-Ergebnisse durch die Wahl der Vergleichsgruppe verfälscht waren.

Was Meta-Analysen aktuell zeigen

Hu et al. (2019, Journal of the American Heart Association) und Aung et al. (2018, JAMA Cardiology) haben in großen Meta-Analysen Omega-3-Supplements untersucht. Konsistentes Ergebnis: Bei Erwachsenen ohne bereits bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankung führt Omega-3-Supplementierung zu keiner relevanten Reduktion von Herzinfarkt, Schlaganfall oder Mortalität.

Bei Patienten mit bereits vorhandener Erkrankung gibt es schwache Hinweise auf Vorteile, aber die Effekte sind klein und nicht in allen Studien reproduzierbar.

Wer wirklich profitieren könnte

Drei Gruppen lassen sich aus der Datenlage abgrenzen.

Erstens: Menschen mit sehr niedrigem Omega-3-Spiegel. Wer im Omega-3-Index unter 4 Prozent liegt (das messen einige Labore), profitiert vermutlich am stärksten. Der Omega-3-Index korreliert mit kardiovaskulärem Risiko.

Zweitens: Menschen mit erhöhten Triglyceriden. Vascepa kann Triglyceride um 20 bis 30 Prozent senken. Bei sehr hohen Triglycerid-Werten (über 500 mg/dl) ist das klinisch relevant. Solche Therapien gehören in ärztliche Hand.

Drittens: Schwangere, Stillende und Kinder. Hier geht es weniger um Herz-Kreislauf, sondern um Gehirnentwicklung. DHA ist wichtig für fetale und kindliche Hirnreifung. Hier ist die Evidenz für Supplementierung oder fettem Fisch besser.

Wer wahrscheinlich nicht profitiert

Gesunde Erwachsene mit normaler Ernährung, normalen Triglyceriden und einem Omega-3-Index über 6 Prozent. Wer bereits zwei bis drei Portionen fetten Fisch pro Woche isst, hat in den Daten keinen klaren zusätzlichen Nutzen von Supplements.

Wie viel Omega-3 ist nötig?

Wenn man supplementiert, ist die Frage: Wie viel und welches?

Für Erwachsene ohne Erkrankung: Etwa 500 bis 1.000 mg kombiniert EPA und DHA pro Tag. Aus fettem Fisch wie Lachs, Makrele, Sardine, Hering. Eine Portion (150 g) Lachs liefert etwa 2.000 mg.

Für Therapieindikationen wie hohe Triglyceride: 2 bis 4 Gramm reines EPA pro Tag, ärztlich verschrieben.

Auf Qualität achten

Wer supplementiert, sollte auf Qualität achten. Drei Punkte sind relevant. Reinheit von Schwermetallen (Quecksilber, PCBs) ist wichtig. Drittpartei-getestete Produkte (IFOS-Zertifikat) sind eine sinnvolle Wahl. Frische ist wichtig, ranzige Omega-3 sind oxidiert und potenziell schädlich.

Was die Ernährung in der Praxis liefert

Eine pragmatische Empfehlung. Zwei bis drei Portionen fetten Fisch pro Woche oder eine vegetarische Quelle wie Algenöl bei Veganern. Damit ist der Bedarf der allermeisten Menschen gedeckt. Supplemente nur bei spezifischer Indikation.

Mein Fazit

REDUCE-IT war zu gut, um wahr zu sein. Die Mineralöl-Kontroverse hat die Studie methodisch geschwächt. Aktuelle Meta-Analysen zeigen: Omega-3-Supplemente sind kein magischer Herzschutz. Für gesunde Menschen gilt: Fischmahlzeiten ja, Kapseln meist überflüssig. Für Risikogruppen kann es Sinn ergeben, aber dann mit ärztlicher Begleitung und gezielter Diagnostik.

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Geschrieben von

Pure Longevity Redaktion

Die Pure Longevity Redaktion arbeitet bewusst anonym. Im Vordergrund steht die Sache, nicht die Person. Wir bündeln wissenschaftliche Recherche, klinische Einordnung und journalistische Sorgfalt.

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